Defence-Aufträge als CNC-Fräser: Wege in die Lieferkette
Silas Werger · Autor · Stand:
Defence-Aufträge als CNC-Fräser: So kommen Sie in die Lieferkette der Verteidigungsindustrie
Kurz gesagt: Der Verteidigungshaushalt wächst deutlich, doch Fräs- und Drehteile vergibt die Bundeswehr selten direkt. Der realistische Einstieg für CNC-Lohnfertiger führt über Systemhäuser und deren Tier-1- und Tier-2-Lieferanten. Voraussetzung sind ein belastbares Qualitätsmanagement, geklärte Exportkontrolle, lückenlose Rückverfolgbarkeit und je nach Auftrag Geheimschutz. Wer diese Punkte vorab ordnet, verkürzt die Qualifizierung.
Viele Zerspaner prüfen derzeit, ob sich Kapazität aus dem Automotive-Geschäft in Verteidigungsaufträge umlenken lässt. Der Beitrag Automotive-Aufträge ersetzen ordnet die Verteidigung neben fünf anderen Branchen ein. Hier geht es um Zahlen, Auftraggeber, Nachweise und den praktischen Einstieg.
Transparenzhinweis: Dieser Beitrag erscheint auf zuliefererverbund.de, einem Verzeichnis der JMVision GmbH. Der Autor schreibt für diese Plattform.
Definition: Ein Prime (Systemhaus) ist ein Unternehmen, das komplette Systeme wie Fahrzeuge, Sensoren oder Munition an Streitkräfte liefert und dafür eine mehrstufige Lieferkette steuert. Lohnfertiger arbeiten meist als Unterlieferant auf der zweiten oder dritten Stufe (Tier 2 oder Tier 3).
Wie groß ist die Nachfrage 2026 wirklich?
Die Nachfrage ist hoch und im Haushalt hinterlegt, kommt aber vor allem bei den großen Systemhäusern an. Belegbar sind die Haushaltszahlen und einige Verbandsangaben, nicht dagegen konkrete Auftragsvolumen für Unterlieferanten.
- Haushalt 2026: Im regulären Wehretat (Einzelplan 14) stehen 82,7 Milliarden Euro, dazu 25,5 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen Bundeswehr (Deutscher Bundestag, September 2026).
- Ausgabenpfad: Der Regierungsentwurf für 2027 sieht im Einzelplan 14 Ausgaben von 109,7 Milliarden Euro vor, weitere 29,9 Milliarden Euro sollen aus dem Sondervermögen kommen, zusammen 139,6 Milliarden Euro. Das ist ein Entwurf, kein beschlossener Haushalt (ebd.).
- Sondervermögen: Der Bundestag hat es 2022 in Höhe von 100 Milliarden Euro beschlossen (ebd.). Die Jahresbeträge oben sind Ausgaben aus diesem Topf, keine zusätzlichen Mittel. Laut 19. Rüstungsbericht war er im Juli 2024 bereits nahezu vollständig vertraglich gebunden (BMVg, Juli 2024); wie viel der Jahresbeträge in neue Verträge fließt, weisen die Quellen nicht aus.
- Verband: Der BDSV meldete 340 Mitgliedsunternehmen, 100 mehr als Ende des Vorjahres (Deutsche Wirtschafts Nachrichten, Juli 2025).
- Mittelstand in der Lieferkette: Je nach Produkt dürfte der Anteil mittelständischer Unternehmen an den Lieferketten bei bis zu 80 Prozent liegen, sagt ein Sprecher des BDSV laut produktion.de (April 2026). Gemeint ist der Anteil an den beteiligten Unternehmen; zum Auftragswert sagt die Schätzung nichts. Im Europäischen Verteidigungsfonds stellten KMU laut EU-Kommission (Stand Juni 2025) 43 Prozent der Beteiligten, erhielten aber rund 20 Prozent der Fördermittel (ebd.).
- Luft- und Raumfahrt: Der BDLI meldete für 2025 einen Branchenumsatz von 62 Milliarden Euro, nach Angabe des BDLI ein Plus von 19 Prozent gegenüber 52 Milliarden Euro im Vorjahr (BDLI, Mai 2026); die Zahl umfasst zivile und militärische Luftfahrt.
Derselbe produktion.de-Beitrag nennt die Bremsen: geschlossene Lieferketten, hohe technische Anforderungen und Investitionen ohne gesicherte Aufträge. Wie sich das Sondervermögen auf den Mittelstand verteilt, behandelt der Beitrag Sondervermögen: Was beim Mittelstand ankommt.
Wer vergibt die Aufträge?
Es gibt zwei Wege: die öffentliche Vergabe durch die Bundeswehr und die privatwirtschaftliche Beschaffung der Systemhäuser. Für Zeichnungsteile ist der zweite Weg der übliche.
Öffentliche Vergabe. Das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) stellt auf seiner Vergabeseite Informationen, Formulare, Vorschriften und gegebenenfalls nötige PKIBw-Zertifikate bereit. Ausschreibungen erscheinen je nach Verfahren auf service.bund.de und bei EU-weiten Verfahren auf TED. Ausgeschrieben werden dort meist Systeme, Ersatzteilpakete und Dienstleistungen, selten einzelne Frästeile.
Systemhäuser. Die Primes beschaffen Komponenten nach eigenen Regeln und haben dafür Lieferantenseiten:
| Systemhaus | Einstieg laut eigener Seite | Hinweis |
|---|---|---|
| Rheinmetall | Lieferantenseite des Konzerneinkaufs | Registrierung über die Rheinmetall Procurement Suite, Tochtergesellschaften mit eigenen Lieferanteninformationen |
| HENSOLDT | Procurement | Bereich „Become a HENSOLDT supplier“ und Lieferantendokumente |
| Diehl | Suppliers | Produktionsmaterial kaufen die Einkaufsabteilungen der Teilkonzerne, etwa Diehl Defence; indirekter Bedarf über SAP Ariba |
| KNDS Deutschland | Lieferantenportal laut Einkaufsseite auf knds.de | Seite war beim Abruf technisch nicht erreichbar, daher nicht verlinkt |
| RENK | keine öffentliche Lieferantenseite gefunden | Kontakt über den Einkauf des jeweiligen Standorts |
Eine Registrierung im Portal ist eine Bewerbung, kein Auftrag. Nach Einschätzung des Autors vergeben die Systemhäuser Fräs- und Drehteile häufig an bestehende Tier-1-Lieferanten, die wiederum Unterlieferanten suchen.
Welche Voraussetzungen braucht ein Fertiger?
Ein CNC-Betrieb braucht mindestens ein zertifiziertes Qualitätsmanagement, eine Antwort auf die Exportkontrolle und lückenlose Rückverfolgbarkeit. Geheimschutz und militärische Qualitätsforderungen kommen je nach Auftrag hinzu. Die folgende Checkliste ordnet die Punkte:
- ISO 9001: Die Grundlage, die fast jeder Prime von Unterlieferanten erwartet.
- AQAP 2110 oder AQAP 2131: NATO-Qualitätsforderungen, die Kunden auftragsbezogen vertraglich festlegen. AQAP 2110 baut auf ISO 9001 auf; AQAP 2131 betrifft Endprüfung und Test. Welche gilt, steht in der Bestellung.
- Geheimschutz und Sicherheitsüberprüfung: Nötig, wenn ein Auftrag eingestufte Unterlagen enthält; das sagt Ihnen der Auftraggeber. Ansprechpartner für den Geheimschutz in der Wirtschaft ist das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie.
- Exportkontrolle und Kriegswaffenkontrolle: Ob Teile, Zeichnungen oder technische Daten unter die Ausfuhrliste, die EU-Dual-Use-Verordnung oder das Kriegswaffenkontrollgesetz fallen, klären Sie vor dem Angebot mit Auftraggeber und BAFA, bei Kriegswaffenfragen zusätzlich mit einem Fachanwalt.
- ITAR-Hinweis: Enthalten Zeichnung oder Bauteil US-Technik, können die US-Exportvorschriften ITAR greifen, die das Directorate of Defense Trade Controls verwaltet. Fragen Sie beim Kunden nach, bevor Sie Unterlagen an Dritte weitergeben.
- Rückverfolgbarkeit: Jedes Teil muss sich bis zur Charge des Rohmaterials zurückverfolgen lassen, mit Prüfprotokollen und dokumentierter Fertigungsfolge.
- Werkstoffzeugnisse: Üblich ist das Abnahmeprüfzeugnis 3.1 nach EN 10204 für Rohmaterial; manche Kunden fordern 3.2 mit zusätzlicher Bestätigung durch einen vom Besteller benannten Prüfer.
Die Punkte 3 bis 5 sind kurze Hinweise, keine Darstellung der Rechtslage. Keine Rechtsberatung; Einzelfall anwaltlich prüfen lassen. Ob Ihr Teil gelistet oder ein Auftrag eingestuft ist, klären Sie mit Kunde, BAFA oder einer Fachkanzlei.
Wer heute IATF 16949 oder EN 9100 hat, bringt den größten Teil der Prozessdisziplin bereits mit. Geheimschutz und Exportkontrolle sind dagegen neu für die meisten Lohnfertiger.
Wie läuft der Einstieg praktisch?
Am schnellsten gelingt der Einstieg als Unterlieferant eines Tier-1- oder Tier-2-Lieferanten, nicht direkt beim Prime. Die folgenden Schritte und Teilebeispiele sind eine Schätzung des Autors, keine Statistik.
- Zielkunden wählen: Suchen Sie Tier-1-Lieferanten in Ihrer Region, die Baugruppen für Fahrzeuge, Waffenstationen oder Sensorik liefern.
- Lieferantenregistrierung: Parallel registrieren Sie sich in den Portalen der Primes, damit Ihr Betrieb bei Bedarfsanfragen bereits erfasst ist.
- Selbstauskunft: Erwarten Sie Fragebögen zu Maschinenpark, Messtechnik, Zertifikaten, Eigentümerstruktur und Exportkontrolle.
- Erstmuster: Der erste Auftrag ist oft ein Erstmuster mit vollständigem Prüfbericht. Planen Sie dafür mehr Messzeit ein als im Seriengeschäft.
- Typische Teile: Gehäuse für Elektronik und Optik, Lagerböcke, Halterungen, Adapterplatten und Präzisionsdrehteile, häufig aus Aluminium, Vergütungsstahl oder Sonderwerkstoffen. Profile mit diesen Verfahren finden sich etwa unter CNC-Zerspanung, 5-Achs-Bearbeitung und Sonderwerkstoffe.
- Rahmenvertrag: Erst nach mehreren fehlerfreien Lieferungen folgen in der Regel Rahmenverträge oder Abrufe.
Wie Sie dafür Anfragen ohne klassische Kaltakquise erzeugen, zeigt der Beitrag Aufträge ohne Kaltakquise. Den Überblick über alle Kanäle gibt Aufträge finden als Lohnfertiger.
Welche Fehler kosten den Einstieg?
Die häufigsten Fehler sind falsch kalkulierte Preise, fehlende Kapazitätsreserven und unterschätzte Dual-Use-Fragen. Alle drei lassen sich vor dem ersten Angebot vermeiden.
- Preise ohne Compliance-Kosten: Dokumentation, Prüfberichte, Exportkontrolle und gegebenenfalls Geheimschutz kosten Stunden. Wer mit dem Stundensatz aus dem Automotive-Geschäft kalkuliert, verliert Marge oder muss später nachverhandeln.
- Keine Kapazitätsreserve: Verteidigungsabrufe kommen oft in Wellen. Ein Betrieb, der zu hundert Prozent ausgelastet ist, kann Eilaufträge nicht annehmen und fällt aus dem engeren Lieferantenkreis.
- Dual-Use übersehen: Auch zivil wirkende Teile oder Werkstoffe können gelistet sein. Lassen Sie die Einstufung beim BAFA klären, bevor Sie Teile oder Zeichnungen ins Ausland geben.
- Zu früh investiert: Laut produktion.de bremsen Investitionen ohne gesicherte Aufträge den Einstieg. Klären Sie vor dem Kauf einer Maschine, welcher Kunde welche Mengen braucht.
- Spielregeln unterschätzt: Der VDMA weist im selben Beitrag darauf hin, dass Betriebe ohne Defence-Erfahrung die Regeln des Geschäfts erst lernen müssen.
Wie wird ein Betrieb sichtbar für Einkäufer der Primes?
Sichtbar werden Sie über Lieferantenportale, Fachmessen, Verbände und Verzeichnisse, die Ihre Verfahren und Nachweise zeigen. Kein Kanal garantiert Aufträge, aber jeder erhöht die Chance, bei einer Bedarfsanfrage gefunden zu werden.
- Messen: Die Eurosatory in Paris gehört zu den großen Verteidigungsmessen. Vereinbaren Sie Gespräche mit Ausstellern vorab.
- Verbände: Der BDSV vertritt die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie; die Mitgliedschaft schafft Kontakte, ist aber kein Lieferantennachweis.
- Portale der Primes: Ein gepflegtes Profil mit Maschinenliste, Werkstoffen und Zertifikaten.
- Verzeichnisse und Plattformen: Einen Vergleich der Plattformen bietet der Beitrag Zulieferer-Plattformen im Vergleich.
Der Zuliefererverbund ist ein solches Verzeichnis, betrieben von der JMVision GmbH. Am 04.11.2026 führt die Sitemap 138 Betriebsprofile und 49 Branchenseiten. Einkäufer suchen ohne Registrierung, für sie ist die Anfrage kostenlos und ohne Provision, und eine Anfrage geht an höchstens drei passende Betriebe (FAQ). Zahlen zu Einkäufern oder Anfragen aus der Verteidigungsindustrie veröffentlicht der Betreiber bisher nicht.
Häufige Fragen
Kann ein CNC-Lohnfertiger direkt an die Bundeswehr liefern? Grundsätzlich ja, über öffentliche Ausschreibungen des BAAINBw und anderer Vergabestellen. Für Zeichnungsteile ist das aber selten der praktische Weg, weil die Bundeswehr meist Systeme, Ersatzteilpakete oder Dienstleistungen ausschreibt. Fräs- und Drehteile laufen überwiegend über Systemhäuser und deren Tier-1- und Tier-2-Lieferanten.
Brauche ich AQAP 2110, um Rüstungsteile zu fertigen? Nicht immer. Viele Systemhäuser verlangen von Unterlieferanten zunächst ISO 9001 und schreiben AQAP-Forderungen auftragsbezogen in den Vertrag. Ob AQAP 2110 oder AQAP 2131 gilt, steht in der Bestellung oder im Qualitätssicherungsplan des Kunden. Fragen Sie vor einer Zertifizierung, welche Forderung für Ihre Teile tatsächlich gilt.
Wann braucht mein Betrieb eine Sicherheitsüberprüfung? Wenn Mitarbeitende Zugang zu Verschlusssachen erhalten sollen. Für viele einfache Zeichnungsteile ohne eingestufte Unterlagen ist das nicht nötig. Ob ein Auftrag eingestuft ist, sagt Ihnen der Auftraggeber; Ansprechpartner für den Geheimschutz in der Wirtschaft ist das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. Keine Rechtsberatung.
Muss ich als Unterlieferant eine Exportgenehmigung beantragen? Das hängt von Teil, Empfänger und Vertrag ab. Die Einstufung nach der Ausfuhrliste klärt das BAFA, Fragen zum Kriegswaffenkontrollgesetz ein Fachanwalt. Benennen Sie früh eine verantwortliche Person im Betrieb. Keine Rechtsberatung.
Wie lange dauert der Einstieg in die Verteidigungsindustrie? Belastbare Durchschnittswerte gibt es dafür nicht. Registrierung, Lieferantenbewertung, Erstmuster und gegebenenfalls Audits dauern nach Schätzung des Autors mehrere Monate, bevor regelmäßige Abrufe kommen. Planen Sie die Anlaufphase mit eigenem Personal und eigener Liquidität, ohne den Umsatz fest einzurechnen.
Für Einkäufer der Verteidigungsindustrie auffindbar werden: Ein Eintrag zeigt Fertigungsschwerpunkte, Gewerke und Standort; Zertifikate stehen am Profil, sofern der Betrieb sie hinterlegt hat. Messtechnik und Werkstoffe gehören auf Ihre Website. Profil anlegen
Silas Werger · Autor · Stand: 04.11.2026 · Recherche und Entwurf mit KI-Unterstützung, inhaltlich geprüft und verantwortet vom Autor
Häufige Fragen
Kann ein CNC-Lohnfertiger direkt an die Bundeswehr liefern?
Brauche ich AQAP 2110, um Rüstungsteile zu fertigen?
Wann braucht mein Betrieb eine Sicherheitsüberprüfung?
Muss ich als Unterlieferant eine Exportgenehmigung beantragen?
Wie lange dauert der Einstieg in die Verteidigungsindustrie?
Quellen
- Deutscher Bundestag, Textarchiv: Deutlicher Anstieg bei den Verteidigungsausgaben (Haushaltsentwurf 2027, Einzelplan 14) · 2026-09
- Deutsche Wirtschafts Nachrichten, Rüstungsindustrie-Verband meldet massiven Mitgliederzuwachs · 2025-07-07
- produktion.de, Rüstungsboom: Warum der Mittelstand nur begrenzt profitiert · 2026-04-22
- BDLI, Branchendaten 2026 · 2026-05-27
- Bundeswehr, BAAINBw: Vergabe bei der Bundeswehr · 2025-04-25
- TED, Tenders Electronic Daily (EU-Bekanntmachungen) · 2026-11-04
- Rheinmetall, Lieferanten: Einkauf im Rheinmetall-Konzern · 2026-11-04
- HENSOLDT, Procurement · 2026-11-04
- Diehl, Suppliers · 2026-11-04
- BMVg: 19. Rüstungsbericht formuliert Forderungen an die Politik · 2024-07-24
- BAFA, Ausfuhrkontrolle · 2026-11-04
- U.S. Department of State, Directorate of Defense Trade Controls (ITAR) · 2026-11-04
- BDSV, Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie · 2026-11-04
- Eurosatory · 2026-11-04
- Zuliefererverbund, Sitemap · 2026-11-04
- Zuliefererverbund, FAQ · 2026-11-04